Behring Apotheke
Als sich die Möglichkeit ergab, das benachbarte Ladenlokal zu übernehmen und die Behring Apotheke auf knapp 240 Quadratmeter zu erweitern, war schnell klar, dass die neue Ecklage mit ihren Schaufenstern und dem direkten Bezug zu den Kundenparkplätzen künftig das Gesicht der Apotheke werden sollte. Die Apotheke sollte sich zeigen.
“Aber bitte nicht wie für alte Leute.”
Das war einer der ersten Wünsche, die das Ehepaar König äußerte. Die beiden waren damals bereits jenseits der sechzig, wollten aber eine Apotheke, die man eher mit Aufbruch als mit Ruhestand verbindet.
Die beiden nutzten die seltene Gelegenheit, die Apotheke nicht nur zu vergrößern, sondern neu zu denken. Keine zaghafte Modernisierung unter Verwendung der alten Möbel. Die neue Apotheke sollte ausdrücken, wie sie sich selbst verstanden: offen, zeitgemäß und voller Freude an neuen Ideen.
Die neue Ecklage brachte allerdings nicht nur zusätzliche Fläche, sondern auch einige Herausforderungen mit sich. Mitten im Raum befanden sich eine große Spindeltreppe in den Keller sowie mehrere Versorgungs- und Kaminschächte. Gleichzeitig sollte hier die neue Offizin entstehen – jener Bereich, den die Kunden wahrnehmen, in dem beraten, verkauft und kommuniziert wird.
Die zusätzliche Fläche löste die Probleme also nicht automatisch. Im Gegenteil. Gerade in der neuen Ecklage musste nun eine Offizin entstehen, die großzügig wirkt, Kunden Platz bietet und gleichzeitig alle Anforderungen des täglichen Betriebs aufnimmt.
Weder Treppe noch Schacht konnten entfernt oder verlegt werden.
Also mussten wir einen Weg finden, beides in die Apotheke zu integrieren. Daraus entwickelte sich schließlich die Form des Handverkaufstisches. Er hält Abstand zur Treppe, nimmt den Schacht auf und führt bis zum Beratungsplatz am hinteren Ende der Offizin. Gleichzeitig organisiert er die Bewegungsabläufe im gesamten Verkaufsraum. Was später selbstverständlich wirkt, entstand aus dem Versuch, auf nur 37 Quadratmetern möglichst viele Anforderungen miteinander zu versöhnen.
Wer die Apotheke betritt, nimmt von diesen Zwängen zunächst nichts wahr. Die große Spindeltreppe verschwindet hinter der Sichtwahl. Die Wege sind großzügig. Der Raum wirkt offen und selbstverständlich.
Die Sichtwahl besteht aus Glasböden vor einer Hülle aus Bronze-Metallgewebe. Das Material konnte die Rundung der Treppenverkleidung aufnehmen und gleichzeitig die Transparenz des Raumes erhalten. Statt den Verkaufsraum abzuschneiden, entstehen Durchblicke über die gesamte Offizin. Im Streiflicht der integrierten LEDs entwickelt das Gewebe einen warmen Schimmer und bildet einen bewussten Gegenpol zu den technischeren Elementen des Entwurfs.
Dazu gehört insbesondere der Handverkaufstisch. Seine facettierte Form folgt der Geometrie des Raumes und wurde vollständig dreidimensional entwickelt. Die Oberfläche aus Aluminium verleiht ihm eine technische Präzision, die sich deutlich von der warmen Materialität des Bronzegewebes absetzt.
Vor der endgültigen Fertigung wurde der Tisch in Originalgröße auf der Baustelle aufgebaut. Erst dadurch ließ sich überprüfen, ob die geplanten Bewegungsflächen tatsächlich funktionieren. Wir gingen um den Tisch herum, verschoben Abstände und korrigierten Details, bis alles passte.
Die Apotheke trägt den Namen des Nobelpreisträgers Emil von Behring. Das brachte allerdings ein unerwartetes Problem mit sich. Wer war dieser Mann eigentlich?
Ehrlicherweise musste ich damals selbst erst nachschlagen. Mein erster Gedanke galt eher der Beringsee als dem Begründer der modernen Serumtherapie.
Die Lösung fanden wir eher zufällig. Wir stießen auf die Arbeiten des Kölner Wortmalers und Arztes Dr. Sascha A. Lehmann (SAXA). Seine typografischen Porträts verbinden Bild und Biografie auf ungewöhnliche Weise. Genau das suchten wir für die Behring Apotheke.
So wurde Emil von Behring Teil des Entwurfs. Besonders sichtbar wird dies am Handverkaufstisch. In die Front aus Eichenholz wurde eine Grafik eingefräst, die Bild und Lebensgeschichte des Namensgebers miteinander verbindet. Eine LED-Kantenbeleuchtung hebt die Struktur zusätzlich hervor.
Das Motiv begegnet den Besuchern an mehreren Stellen der Apotheke wieder. Auch die Freiwahlwagen in den Schaufenstern greifen das Thema auf. Auf ihren Rückseiten erscheint die Grafik erneut auf mattierten Glasflächen und schafft eine Verbindung zwischen Innen- und Außenraum.
Wer vom Parkplatz zur Apotheke kommt, begegnet zunächst Emil von Behring und erhält gleichzeitig bereits einen ersten Blick in die Offizin. Umgekehrt profitiert der Verkaufsraum von Tageslicht, Transparenz und den Blickbeziehungen nach außen. Die Schaufenster dienen damit nicht nur der Warenpräsentation, sondern werden Teil des räumlichen Konzepts.
Im hinteren Bereich der Offizin befinden sich der Beratungsplatz und die Rezeptur.
Licht war bei diesem Projekt kein nachträglicher Zusatz. Die Kantenbeleuchtung des Handverkaufstisches macht die eingefräste Behring-Grafik überhaupt erst sichtbar. Kleine LED-Spots bringen das Bronzegewebe zum Schimmern und betonen dessen metallischen Charakter. Über den Bedienplätzen markieren gezielt gesetzte Lichtkegel die Orte der Beratung.
Mitten in der Sichtwahl öffnet sich ein Durchgang zum Arbeitsbereich. Zwischen den Schubsäulen entsteht ein regelrechter Tunnel, der von einer durchgehenden Lichtdecke gleichmäßig ausgeleuchtet wird. Das blendfreie Licht erleichtert die tägliche Arbeit und verleiht dem Übergang zugleich eine überraschende Großzügigkeit.
Mit dem Arbeitsbereich verändert sich auch die Materialwelt der Apotheke. Während die Offizin von einem weißen, fugenlosen Gussboden, Bronze, Aluminium und Glas geprägt wird, bestimmen hier rustikale Eichendielen und weiße Einbauten das Bild. Die Eichendielen wurden bewusst gehobelt, angeräuchert und gealtert ausgewählt. Ihre lebhafte Oberfläche darf Gebrauchsspuren aufnehmen und würdevoll altern. Schließlich werden hier täglich Warenkisten, Rollcontainer und Bürostühle bewegt. Gleichzeitig sorgen die hellen Möbel für Ruhe, Ordnung und optimale Arbeitsbedingungen.
Die Behring Apotheke entstand nicht aus einer gestalterischen Idee, sondern aus einer Reihe sehr konkreter Anforderungen. Eine seltene Erweiterungsmöglichkeit, eine schwierige Gebäudestruktur, die Bedürfnisse ihres Inhabers und der Wunsch ihrer Bauherren nach einer zeitgemäßen Apotheke mussten zu einem Ganzen zusammengeführt werden.
Weiterführende Informationen
- STORE BOOK 2014
- Instagram – Teil 1
- Instagram – Teil 2
- Instagram – Teil 3
- Instagram – Teil 4
- Instagram – Teil 5
Projekte, Detailaufnahmen und Referenzen zum Thema Apothekendesign finden Sie auf unserem Pinterest-Board:
Pinterest-Board „Design Apotheke“
Veröffentlichung
Projektdaten
- Projekt: Behring Apotheke
- Ort: Neuss
- Adresse: Behringstraße 1, 41464 Neuss
- Fertigstellung: 2013
- Gesamtfläche: 240 m²
- Bauherr: Klaus König
- Nachfolgerin seit 2020: Margarita Terjung
- Leistungen: Innenarchitektur, Apothekenplanung
- Besonderheiten: Erweiterung durch Nachbarlokal, Offizin mit Spindeltreppe, Bronze-Metallgewebe, Aluminium-HV-Tisch, SAXA-Grafik, Lichtdecke im Arbeitsbereich
Wir planen keine Apotheken. Wir entwickeln Unikate.
Jedes Projekt hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Anforderungen und seine eigene Persönlichkeit. Deshalb glauben wir nicht an Standardlösungen.
Wenn Sie über Ihr eigenes Projekt sprechen möchten, freuen wir uns auf ein Gespräch.
Telefon: 02151 736005
E-Mail: info@buerger-architektur.de