Barlach-Apotheke

Bad Boll, 2013
Apotheker Christoph Schroer

Als sich die Möglichkeit bot, zusätzliche Ladenflächen hinter der bestehenden Apotheke zu übernehmen, stand Apotheker Christoph Schroer vor einer seltenen Gelegenheit. Die Offizin konnte von 28 auf 66 Quadratmeter wachsen. Die eigentliche Aufgabe bestand jedoch nicht darin, einfach nur mehr Fläche zu schaffen.

Viel interessanter war die Frage, wie sich die Persönlichkeit eines Apothekers räumlich übersetzen lässt.

Für Christoph Schroer besteht Pharmazie nicht allein aus der Abgabe von Medikamenten. Homöopathie, Spagyrik, Kräuterheilkunde, Anthroposophie und pharmazeutische Herstellung gehören seit vielen Jahren zu seinem beruflichen Alltag. Vieles von dem, was in anderen Apotheken hinter Türen verschwindet, gehört hier selbstverständlich zur täglichen Arbeit. Die neue Apotheke sollte diese Haltung nicht erklären. Sie sollte sie sichtbar machen.

Die Erweiterung nach hinten bot dafür die ideale Voraussetzung. Wo zuvor die räumlichen Grenzen der Apotheke lagen, entstand die Möglichkeit, Arbeitsbereiche zu öffnen und neue Sichtbeziehungen zu schaffen. Durch die gläserne Sichtwahl reichen die Blicke heute weit in die Apotheke hinein. Der Arbeitsbereich öffnet sich zum Verkaufsraum und selbst das neue Labor wird Teil der räumlichen Wahrnehmung. Die Apotheke wirkt dadurch deutlich größer, als ihre tatsächliche Verkaufsfläche vermuten lässt. Vom Labor aus reicht der Blick über den Arbeitsbereich bis nach vorne in die Offizin. Die einzelnen Bereiche werden nicht länger als voneinander getrennte Räume wahrgenommen, sondern als zusammenhängendes Ganzes.

Die räumliche Öffnung war dabei kein Selbstzweck. Sie macht sichtbar, was die Arbeit des Apothekers seit vielen Jahren prägt. Teerezepturen, Kräuterheilkunde, Spagyrik, Anthroposophie und Homöopathie bilden die fachlichen Schwerpunkte der Apotheke.

Diese Themen prägen die Apotheke bis heute. Nicht als Werbebotschaft, sondern als Teil der Architektur.

Die Gestaltung greift deshalb zahlreiche Hinweise auf die Arbeit und die Interessen des Apothekers auf. Die fünf Schwerpunkte seines pharmazeutischen Wirkens finden sich in der Typografie der Glasflächen wieder. Die „O“ werden zu Globuli. Eine Teedrogenliste dient nicht nur der Information, sondern bildet zugleich einen grafischen Bestandteil des Raumes. Selbst das Logo versteht sich nicht als aufgesetztes Zeichen, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs.

Namensgeber der Apotheke ist der Bildhauer Ernst Barlach. Seine Arbeiten stehen für Haltung, Authentizität und die Konzentration auf das Wesentliche. Genau diese Eigenschaften spiegeln sich auch in der Gestaltung wider. Die Apotheke verzichtet auf modische Effekte und dekorative Inszenierungen. Ihre Identität entsteht aus der Persönlichkeit des Apothekers, seiner Arbeitsweise und der Konsequenz, mit der diese Haltung räumlich umgesetzt wurde.

Bestand wurde dabei nicht ersetzt, sondern weitergeführt. Vorhandene Schubkastenfronten aus Lärchenholz mit ihren charakteristischen Porzellangriffen wurden aus der alten Einrichtung übernommen und zum Ausgangspunkt der neuen Gestaltung gemacht. Statt einen vollständigen Neuanfang zu inszenieren, entstand eine Apotheke, die ihre Geschichte weitererzählt.

Auch die Materialwahl folgt dieser Haltung. Lärchenholz, pflanzlich gegerbtes Leder, Glas und regionaler Naturstein prägen den Raum. Die verwendeten Materialien wirken warm, robust und geerdet. Sie passen zur Arbeitsweise des Apothekers ebenso wie zum Charakter des Ortes.

Viele gestalterische Entscheidungen entstanden nicht am Reißbrett, sondern aus Dingen, die bereits Teil der Apotheke waren. Die vorhandenen Teedosen lieferten wichtige Impulse für die Farbigkeit des Entwurfs. Eine vom Apotheker entwickelte homöopathische Reiseapotheke in handgefertigten Lederetuis wurde zur Inspiration für Materialität und Detailgestaltung.

Auch die Einrichtung entstand nicht anonym bei einem Großanbieter. Sie wurde von einem Schreiner aus Bad Boll gefertigt, den der Apotheker persönlich kannte. Die enge Zusammenarbeit mit örtlichen Handwerkern verlieh dem Projekt eine Authentizität, die bis heute spürbar ist. Die Materialwelt wirkt dadurch nicht konstruiert, sondern selbstverständlich.

Die Gestaltung macht jedoch nicht nur die Persönlichkeit des Apothekers sichtbar, sondern auch seine tägliche Arbeit. Hinter der Sichtwahl befinden sich Teerezeptur, spagyrische Rezeptur, Arbeitsplätze und Labor. Was in vielen Apotheken verborgen bleibt, gehört hier selbstverständlich zum Raumkonzept. Die Apotheke präsentiert sich nicht nur als Verkaufsraum, sondern auch als Ort pharmazeutischer Kompetenz und handwerklicher Herstellung.

Gerade darin liegt die Besonderheit dieses Projektes. Die Erweiterung schuf neue Flächen. Die Architektur nutzte sie jedoch nicht, um möglichst viele Produkte zu präsentieren, sondern um die Arbeit sichtbar zu machen, die den Apotheker auszeichnet.

Die Barlach-Apotheke wurde nicht um ein Marketingkonzept oder einen Gestaltungstrend herum entwickelt. Ausgangspunkt war ein Apotheker mit einer klaren Haltung zu seinem Beruf. Die Architektur übersetzt diese Haltung in Räume, Materialien und Details.

Während das Aspirin in allen Apotheken dasselbe ist, liegt der Unterschied im Apotheker. Die Barlach-Apotheke macht genau diesen Unterschied sichtbar.

Vorher & Nachher

Wie sich die Apotheke durch den Umbau verändert hat, zeigen unsere Vorher-Nachher-Aufnahmen:

Vorher & Nachher ansehen

Weitere Einblicke

Weitere Details zur Barlach-Apotheke finden Sie auch auf Instagram:

Projektdaten

Projekt: Barlach-Apotheke

Adresse: Hauptstraße 80, 73087 Bad Boll

Entwurf: Klaus Bürger

Umbau: 2013

Bauherr: Apotheker Christoph Schroer

Gesamtfläche: 372 m²

Offizin: Erweiterung von 28 m² auf 66 m²

Arbeitsbereich: 68 m²

Labor: 23 m²

Automatisches Warenlager: 8 m Rowa-Automat mit Fördertechnik in die Sichtwahl


Diese Apotheke wurde nicht neu erfunden. Sie wurde freigelegt.

Wenn Sie über Ihr eigenes Projekt sprechen möchten, freuen wir uns auf ein Gespräch.

Telefon: 02151 736005

E-Mail: info@buerger-architektur.de